League of Legends Tier List: was sie aussagt und was nicht
Siegrate, Pickrate, Banrate: woher die Zahlen hinter einer Tier List kommen, warum der Rangbereich alles entscheidet und weshalb schwierige Champions systematisch zu niedrig stehen.
Spiele 13 Min. Lesezeit von Jonas Reinhardt
Das Wichtigste in Kürze
- Eine Tier List sortiert Champions nach Stärke. Die Daten dahinter stammen fast immer aus Millionen automatisch ausgewerteter Partien, nicht aus einer Meinung.
- Genau das ist auch ihre Schwäche: Sie misst, wie gut ein Champion in den Händen der Leute abschneidet, die ihn gerade spielen — nicht, wie stark er in deinen Händen wäre.
- Eine Liste ohne Angabe des Rangbereichs ist wertlos. Was in Diamant stark ist, kann in Silber unspielbar sein und umgekehrt.
- Champions mit hoher Einstiegshürde stehen systematisch zu niedrig, weil ihre Siegrate durch Spieler gedrückt wird, die sie gerade erst lernen.
- Nach einem Patch braucht jede Liste Tage, bis ihre Datenbasis wieder etwas aussagt. In dieser Zeit ist sie eine Momentaufnahme des alten Zustands.
Was eine Tier List eigentlich ist
Eine Tier List ordnet Champions in Stufen — typischerweise von S abwärts —, die angeben sollen, wie stark sie gerade sind. Für League of Legends gibt es Dutzende solcher Listen, und die meisten widersprechen einander in Teilen.
Das ist kein Qualitätsmangel, sondern folgt aus der Bauweise. Eine Tier List ist keine Messung einer Eigenschaft des Champions. Sie ist eine Auswertung von Partien, in denen Menschen diesen Champion gespielt haben — und was dabei herauskommt, hängt davon ab, welche Partien man auswertet, von wem sie stammen und wie man die Zahlen gewichtet. Zwei Listen mit unterschiedlicher Auswahl kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, ohne dass eine von beiden falsch rechnet.
Wer das einmal verstanden hat, benutzt Tier Lists anders: nicht als Rangliste, sondern als Hinweis darauf, wo sich etwas bewegt hat.
Die drei Zahlen dahinter: Siegrate, Pickrate, Banrate
Nahezu jede Liste beruht auf denselben drei Größen, oft ergänzt um weitere.
| Kennzahl | Was sie misst | Wo sie täuscht |
|---|---|---|
| Siegrate | Anteil gewonnener Partien mit diesem Champion | hängt daran, wer ihn spielt, nicht nur daran, wie stark er ist |
| Pickrate | wie oft er gewählt wird | misst Beliebtheit und Bekanntheit, nicht Stärke |
| Banrate | wie oft er gesperrt wird | misst, wie unangenehm er sich anfühlt — auch bei mäßiger Siegrate |
Interessant sind vor allem die Kombinationen. Hohe Siegrate bei niedriger Pickrate deutet auf einen Champion hin, den wenige spielen — aber die wenigen können ihn. Hohe Banrate bei mittlerer Siegrate heißt meist: nicht besonders stark, aber ausgesprochen lästig. Und eine hohe Pickrate bei durchschnittlicher Siegrate bedeutet schlicht, dass ein Champion beliebt ist.
Eine seriöse Liste rechnet außerdem die Sperrungen heraus, wenn sie Siegraten vergleicht: Ein oft gesperrter Champion erscheint nur dann auf dem Feld, wenn der Gegner ihn nicht sperren wollte oder konnte, und das ist keine zufällige Auswahl von Partien.
Warum 52 Prozent viel und 49 Prozent wenig sind
Die Siegraten in League of Legends liegen eng beieinander, und das führt regelmäßig zu Fehleinschätzungen. In einem Spiel mit zwei Teams pendelt jede Siegrate um 50 Prozent — das ist der rechnerische Nullpunkt, nicht das Mittelmaß einer Skala von 0 bis 100.
Deshalb ist der Abstand zu 50 die eigentliche Information. Eine Siegrate von 52 Prozent bedeutet, dass ein Champion in etwa jeder fünfundzwanzigsten Partie den Ausschlag gibt, in der es sonst offen gewesen wäre — über hunderte Partien ist das erheblich. 49 Prozent bedeuten spiegelbildlich eine leichte Belastung, keine Katastrophe.
Zwei Folgerungen für die Praxis. Erstens: Unterschiede von wenigen Zehntelprozent zwischen zwei Champions sind Rauschen, kein Ranking. Zweitens: Der eigene Einfluss ist größer als diese Spanne. Ein Champion mit 49 Prozent, den man seit zweihundert Partien spielt, schlägt einen mit 52 Prozent, den man zum ersten Mal auswählt — und zwar deutlich.
Der Rangbereich entscheidet alles
Eine Tier List ohne Angabe, aus welchem Rangbereich die Daten stammen, ist unbrauchbar. Der Grund liegt darin, dass sich in verschiedenen Rängen unterschiedlich gespielt wird, und Champions davon unterschiedlich profitieren.
Champions, deren Stärke auf abgestimmtem Teamspiel beruht, funktionieren dort gut, wo abgestimmt gespielt wird. Champions, die eine Partie allein kippen können, sind dort stark, wo Mitspieler unzuverlässiger sind. Deshalb kann derselbe Champion in einer Liste für die oberen Ränge weit oben und in einer Liste für die mittleren weit unten stehen — beide Listen haben recht, für ihren jeweiligen Bereich.
Die meisten frei verfügbaren Listen filtern standardmäßig auf höhere Ränge, weil dort die Daten als aussagekräftiger gelten. Für den Großteil der Spielerschaft ist das die falsche Auswahl. Der erste Griff bei jeder Liste sollte deshalb dem Filter gelten, nicht der obersten Zeile. Welche Rangbereiche es überhaupt gibt, steht im LoL Rangsystem.
Der blinde Fleck: Champions mit hoher Einstiegshürde
Es gibt einen systematischen Fehler, den fast jede datengetriebene Liste hat, und er betrifft ausgerechnet die interessantesten Champions.
Wenn ein Champion schwer zu spielen ist, besteht seine Statistik aus zwei sehr verschiedenen Gruppen: wenigen, die ihn beherrschen und damit sehr erfolgreich sind, und vielen, die ihn gerade lernen und dabei verlieren. Der Durchschnitt beider Gruppen liegt niedrig. Die Zahl beschreibt dann nicht die Stärke des Champions, sondern die Mischung seiner Spielerschaft.
Umgekehrt stehen leicht zu bedienende Champions tendenziell zu hoch: Fast jeder holt aus ihnen heraus, was drin ist, also liegt der Durchschnitt nahe am Maximum.
Bessere Auswertungen begegnen dem, indem sie nach Erfahrung mit dem jeweiligen Champion filtern — etwa nur Partien von Spielern mit einer Mindestzahl von Partien auf diesem Champion. Ob eine Liste so etwas anbietet, ist ein brauchbares Merkmal für ihre Qualität.
Was eine Tier List gar nicht sehen kann
Einige der wichtigsten Faktoren tauchen in keiner Kennzahl auf.
- Die konkrete Lane. Ein Champion kann insgesamt durchschnittlich sein und gegen den einen Gegner, der dir ständig begegnet, katastrophal.
- Die eigene Zusammenstellung. Ein Team braucht Schaden beider Arten, eine Eröffnung und jemanden, der vorne steht. Der stärkste Champion ist wertlos, wenn er das fünfte Exemplar derselben Funktion ist.
- Der Spielstil. Wer defensiv und auf Farm spielt, holt aus einem aggressiven Champion wenig heraus, egal wo er in der Liste steht.
- Die eigene Erfahrung. Die mit Abstand größte Variable, und die einzige, die keine Liste kennt.
Für Einsteiger kommt hinzu, dass die Liste über das schweigt, was am Anfang wirklich zählt. Wer noch Tode und Wave-Management im Griff bekommen muss, gewinnt durch einen Champion-Wechsel nichts — das ist der Kern unseres Einstiegsguides.
Nach dem Patch: warum die Liste kurz nichts weiß
Riot veröffentlicht seit 2014 in einem Rhythmus von etwa zwei bis drei Wochen einen Patch. Jede datengetriebene Liste hat damit ein grundsätzliches Zeitproblem.
Unmittelbar nach einem Patch gibt es keine Daten zum neuen Zustand. Was die Liste zeigt, stammt entweder noch aus der alten Version, oder es sind die ersten Stunden mit dem neuen — ausgerechnet die Phase, in der alle Betroffenen ihren Champion noch nicht verstanden haben und die Siegraten am wenigsten aussagen.
Brauchbar wird die Datenlage erst nach einigen Tagen. Wer eine Liste am Tag des Patches konsultiert, liest eine Vergangenheit. Sinnvoller ist es, in dieser Phase die Änderungen selbst zu lesen und einzuordnen — wie das geht, steht bei den LoL Patch Notes.
Stand: 30. September 2026. Diese Seite erklärt bewusst die Methode und veröffentlicht keine eigene Rangfolge: Eine Rangfolge wäre nach dem nächsten Patch überholt, die Lesart bleibt gültig.
So liest man sie richtig
Zusammengefasst als Vorgehen:
- Zuerst den Rangbereich einstellen, und zwar auf den eigenen. Vor allem anderen.
- Auf den Abstand zu 50 Prozent schauen, nicht auf die Platzierung. Zehntelprozente sind Rauschen.
- Pickrate und Banrate dazunehmen. Sie erklären, warum eine Siegrate so aussieht, wie sie aussieht.
- Nach Erfahrung filtern, wenn die Liste es anbietet. Das korrigiert den Fehler bei schwierigen Champions.
- Die eigene Erfahrung dagegenrechnen. Ein vertrauter Champion mit etwas schlechteren Zahlen ist die bessere Wahl.
- Nach dem Patch ein paar Tage warten, bevor man den Zahlen wieder glaubt.
Und der nützlichste Gebrauch überhaupt: Eine Tier List taugt weniger zur Auswahl als zur Beobachtung. Wenn ein Champion, gegen den du oft spielst, plötzlich deutlich steigt, ist das die Information — nicht die Frage, wer heute auf Platz eins steht.
Häufige Fragen
Woher kommen die Daten einer Tier List?
Aus der automatisierten Auswertung großer Mengen gespielter Partien. Grundlage sind meist Siegrate, Pickrate und Banrate, gefiltert nach Rangbereich, Region, Rolle und Patch. Es ist keine Einschätzung einzelner Experten, sondern Statistik — mit allen Eigenheiten, die Statistik mitbringt.
Warum widersprechen sich verschiedene Tier Lists?
Weil sie unterschiedliche Partien auswerten und unterschiedlich gewichten: anderer Rangbereich, andere Region, anderer Zeitraum, andere Behandlung von Sperrungen und Spielererfahrung. Beide können korrekt rechnen und trotzdem zu verschiedenen Ergebnissen kommen.
Ist eine Siegrate von 52 Prozent gut?
Ja, das ist deutlich überdurchschnittlich. Weil sich zwei Teams gegenüberstehen, pendeln alle Siegraten um 50 Prozent — das ist der Nullpunkt. Zwei Prozentpunkte darüber heißt, dass der Champion etwa in jeder fünfundzwanzigsten sonst offenen Partie den Ausschlag gibt.
Warum stehen schwierige Champions oft zu niedrig?
Weil ihre Statistik aus zwei Gruppen besteht: wenigen, die sie beherrschen und gewinnen, und vielen, die sie gerade lernen und verlieren. Der Durchschnitt beschreibt dann die Mischung der Spielerschaft, nicht die Stärke des Champions. Listen, die nach Erfahrung auf dem jeweiligen Champion filtern, korrigieren das teilweise.
Sollte ich meinen Champion wechseln, weil er in der Liste gefallen ist?
Meistens nicht. Die eigene Erfahrung mit einem Champion wiegt in der Regel schwerer als die Spanne, um die sich Champions in solchen Listen unterscheiden. Ein Wechsel lohnt eher, wenn ein Patch die Spielweise grundlegend verändert hat, nicht wegen einer Verschiebung um wenige Zehntelprozent.
Wie aktuell ist eine Tier List nach einem Patch?
Direkt nach einem Patch sagt sie wenig aus, weil entweder noch alte Daten zugrunde liegen oder die ersten Stunden, in denen niemand die Änderungen verinnerlicht hat. Brauchbar wird die Datenlage erst nach einigen Tagen. Da Patches etwa alle zwei bis drei Wochen erscheinen, ist ein spürbarer Teil des Zyklus davon betroffen.
Quellen
- Wikipedia — League of Legends, standardisierter Patch-Rhythmus von etwa zwei bis drei Wochen seit 2014, abgerufen am 30.09.2026
- League of Legends — offizielle Seite, Patch Notes als maßgebliche Quelle für Balanceänderungen, abgerufen am 30.09.2026
- Wikipedia — Tier list, Herkunft und übliche Systematik des Formats, abgerufen am 30.09.2026
Veröffentlicht am 30. September 2026 · Zuletzt aktualisiert am 30. September 2026